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Was suchen Kinder in den virtuellen Welten, das ihnen das wahre Leben nicht bietet?

Es zeigt sich also, dass Computerspiele und Filmesehen, jedenfalls was ihre Funktion für die Konsumenten betrifft, durchaus vergleichbar sind: Beide bieten Ablenkung und Zerstreuung von der Wirklichkeit und lösen einen Belohnungsmechanismus aus, der sich selbst verstärkt. Dies gilt auch für das Surfen im Internet und das Nutzen von Chats.

Das Medienverhalten unserer Kinder ist damit im Grunde als eine Art Flucht zu verstehen. Sie wollen der langweiligen Realität entfliehen (Schulnoten, Arbeitsblätter, Hausaufgaben, Klassenarbeitsvorbereitung, etc.), weil das „wahre Leben“ ihnen ganz offensichtlich nicht das bietet, was sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse benötigen. Nicht die Medien selbst und ihre Inhalte, sondern die unbefriedigten kindlichen Bedürfnisse sind also der Kern des Problems. Wir sollten uns diese Bedürfnisse deshalb noch einmal sehr genau anschauen.

Der Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther beschreibt in seinem Buch „Computersüchtig“ sehr eindrucksvoll, wie die kindlichen Bedürfnisse vor und nach der Geburt entstehen, wie sie im Laufe des Älterwerdens vernachlässigt werden und wie Kinder dadurch zunehmend das Vertrauen in sich selbst und in die Welt verlieren.

Laut Hüther bringt jedes Kind nicht nur ein ungeheures Maß an Neugier und Lernfähigkeit mit ins Leben, sondern auch ein Urvertrauen in die eigenen Möglichkeiten, ständig dazuzulernen und im umfassenden Sinne zu „wachsen“. Schließlich hat es bereits vor der Geburt und in den ersten Lebensjahren anhand der eigenen Entwicklung erlebt, dass es täglich über sich hinauswachsen kann. Je länger nun seine Erwartungshaltung bestätigt wird, das Kind also immer weiter Neues erleben und entdecken darf, desto fester wird diese Grunderfahrung im Gehirn „gebahnt“ und verankert. Aus der Erwartung wird ein inneres Bedürfnis, geradezu ein Hunger nach Neuem.

Was aber, wenn dieses Bedürfnis nicht gefüttert wird? Wenn das Kind irgendwann – häufig beim Eintritt in die Schule – merkt, dass seine Neugier nicht erwünscht ist oder in bestimmte Bahnen gelenkt werden soll? Wenn es feststellt, dass das, was bisher an ihm richtig war und was es an Fähigkeiten und Erfahrungen erworben hatte, sich im Zusammenleben mit anderen als unbrauchbar, unerwünscht oder gar falsch erweist? Wenn es sich, anstatt Ermutigung, Zuwendung und Anregungen zu erfahren, zunehmend unerfüllbaren Forderungen und Erwartungen gegenüber sieht? Wenn es abgelehnt und gemaßregelt wird, weil es so ist, wie es ist?

Dann erlöschen nicht nur die Entdeckerfreude und die Lust am Lernen, sondern auch das Bedürfnis, über sich hinauszuwachsen. Und damit schwindet letztlich auch die Überzeugung, dass alle Probleme lösbar sind und dass es überhaupt möglich ist, immer weiter über sich selbst hinauszuwachsen. Hüther: „Manche Kinder machen diese Erfahrung früher, manche später, aber allen geht dabei genau das verloren, was sie für ihr weiteres Leben dringlicher als alles andere brauchen: Vertrauen.“

Das eben beschriebene spiegelt genau unsere Erfahrungen im Lernwerk wider. Da wir mit jedem Schüler, den wir in unseren Unterricht aufnehmen, sprechen, verfügen wir über einen ungeheuren Erfahrungsschatz was die Beweggründe von Schülern sind, sich nicht zum schulischen Lernen aufraffen zu können. Ohnehin niemandem zu genügen ist ein ganz starkes Moment und dieses Gefühl zu überdecken, der Motor für viele vor dem Bildschirm verbrachten Stunden.

Was müssen wir unseren Kindern geben, um sie vom Bildschirm wegzubekommen?

Kinder sind unendlich lernfreudig

Nach Hüthers Überzeugung ist es dieser Vertrauensverlust, den Kinder und Jugendliche mithilfe elektronischer Medien zu kompensieren suchen. Beim Fernsehen funktioniert das vor allem durch Ruhigstellen und das Ausschalten negativer Gefühle. Bei den Computerspielen sind hingegen aktive, selbst gesteuerte Erfahrungen möglich, die zu den positiven Gefühlen von Erfolg und Kompetenz führen und FLOW-Erlebnisse auslösen können. Genau das macht Computerspiele zum „Suchtmittel“. Sie bieten eine Ersatzbefriedigung für Grundbedürfnisse, die jedes Kind in sich trägt. Gerald Hüther benennt die kindlichen Bedürfnisse sehr konkret. Dazu gehören:

  • erreichbare Ziele
  • klare und verlässliche Strukturen und Regeln zur Zielerreichung
  • die Möglichkeit zu selbstständigen Entscheidungen, für die man allein verantwortlich ist
  • aufregende Entdeckungen
  • Gefahren, Ängste und Bedrohungen, die man überwinden kann
  • Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man erwerben kann
  • Vorbilder, denen man nacheifern kann
  • eigene Erfahrungen (Fehler), die klug machen
  • Geschicklichkeit, die man weiterentwickeln kann
  • Leistungen, auf die man stolz sein kann

All das müsste unseren Kindern und Jugendlichen also im wahren Leben geboten werden, um sie von den Bildschirmen wegzubekommen. Aber wo, fragt man sich unwillkürlich, ermöglichen wir ihnen heute noch solche Erlebnisse? Bieten wir Schülern Ziele an, die einen Sinn ergeben und für die es sich lohnt zu arbeiten – über die nächste Klassenarbeit oder das Abitur hinaus? Lassen wir zu, dass unser Kind Entscheidungen selbstständig trifft oder ist sein Tag bereits verplant, seine Zukunft vorgezeichnet – durch uns? Darf unser Kind Verantwortung übernehmen, muss es für seine Entscheidungen geradestehen? Oder nehmen wir ihm noch die kleinste Aufgabe ab und suchen für jedes Fehlverhalten eine Entschuldigung, die außerhalb seines Einflussbereiches liegt? Ermöglichen wir es unserem Kind überhaupt Fehler zu machen, aus denen es lernen könnte? Bietet die Schule Raum für echte Entdeckungen, erlebt man hier Unerwartetes und Überraschendes? Erlauben wir unseren Kindern in ihrer Freizeit Abenteuer zu erleben, gar Gefahren zu überwinden, um daran zu wachsen? Oder ist es nicht unser höchstes Ziel, sie genau davor zu bewahren? Hausaufgaben und Haushaltspflichten – sind das die Aufgaben, auf deren Bewältigung ein Kind stolz sein, an denen es über sich hinauswachsen kann?

Um die Ideen von Hüther umsetzen zu können, braucht es Kinder, die noch nicht zu lange mit Medien Umgang hatten. Deshalb plädieren wir im Lernwerk immer wieder dazu, nicht zu früh ein Smartphone anzuschaffen und keinesfalls Computer oder Fernseher im Kinderzimmer aufzustellen. Denn selbst ein schönes Abenteuer, das ein Kind mit seinen Eltern erleben kann, ist für viele, gerade wenn sie Medien gewohnt sind, nichts gegen die Bekämpfung eines Drachens oder den neuesten James-Bond-Film. So kommt es innerhalb von Familien zu großen Enttäuschungen, wenn man versucht, eine Wanderung in den Harz umzusetzen und dieser Vorschlag rundweg abgelehnt wird. Wenn ein Kind schon zu verstrickt in seinen Medienkonsum ist und ohne aggresiv zu werden nicht mehr verzichten kann und für keinerlei Spaß außerhalb der virtuellen Welt zu haben ist, sollte man sich externen Rat suchen. Sie als Eltern sollten, wenn letzteres auf Ihre Familie zutrifft, Ihrem Kind zeigen, dass es Ihnen genügt, auch wenn die Schulleistungen zu wünschen übrig lassen und dass sie gemeinsam nach Lösungen suchen.

 

Schwierige Aufgaben übertragen, Mut machen, Vertrauen schenken!

Damit wird eines klar: Wir können unseren Kindern nur helfen, indem wir ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken, sich in der Wirklichkeit zurecht zu finden und das „reale“ Leben zu meistern. Wodurch kann das geschehen? Ganz bestimmt wird es nicht ausreichen, ihnen den Computer wegzunehmen oder die Nutzungszeiten einzuschränken. Durch Verbote, Ermahnungen oder auch nur gut gemeinte Appelle lässt sich Vertrauen nicht herbeireden – es muss wachsen.

Was Kinder ebenfalls nicht stärkt, ist der Drang vieler Eltern, sie vor den Widrigkeiten des Lebens „da draußen“ zu bewahren. Stark wird man nämlich nicht dadurch, dass man keine Probleme hat und keine Fehler macht. Im Gegenteil: Kinder brauchen echte Aufgaben, an denen sie wachsen können, sie brauchen konkrete Probleme, die sie meistern können und eigene Entscheidungen, die sie treffen können – im Zweifel auch falsch. Je glatter alles geht, desto weniger ist der Mensch gezwungen, sein Gehirn und seinen Körper anzustrengen. Und was nicht genutzt wird, verkümmert und wird schwach. Stark machen wir unsere Kinder einzig und allein dadurch, dass wir es ihnen ermöglichen so zu sein, wie sie ganz früher einmal sein durften – und wie sie in Wahrheit noch immer sind: unbefangen, neugierig, lernfreudig, ausdauernd, begeistert.

Während meiner Arbeit habe ich einige Beispiele erlebt, in denen es Kindern und Jugendlichen gelungen ist, diese Bedingungen im realen Leben wiederzufinden.

Ein Schüler brach in der elften Klasse des Gymnasiums die Schule ab, um eine Ausbildung in der Hotelfachschule zu beginnen. Schon in der Kindheit hatte er davon geträumt, in großen Hotels zu arbeiten, während die Eltern für ihn andere Pläne hatten – in jedem Fall zunächst das Abitur. Irgendwann begann der Kreislauf aus schlechten Noten, exzessiver Mediennutzung, noch schlechteren Noten – bis die Eltern nachgaben. Inzwischen unterstützen sie ihren Sohn auf seinem Weg. Ob er erfolgreich sein wird, steht noch nicht fest. Aber er hat die Entscheidung selbst getroffen und tut nun alles dafür zu beweisen, was er kann.

Eine Schülerin, genervt und gelangweilt von den Anforderungen der Schule und des Elternhauses, wollte nach der zehnten Klasse einfach nur weg. Sie bewarb sich selbstständig bei einer Austauschorganisation für ein Schuljahr in den USA, durchlief das gesamte Auswahlverfahren mit Bewerbungsgesprächen und wurde angenommen. Die Eltern stimmten zu und sie verlebte nach eigener Aussage das tollste Jahr ihres Lebens. Ganz auf sich allein gestellt erfuhr sie, was es heißt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, aus sich herauszugehen und in einer fremden Sprache und Kultur zu „überleben“. Sie ist fest überzeugt, sie habe in dieser Zeit so viel gelernt wie in ihrer gesamten Schulzeit nicht. Ihre Noten geben ihr Recht – nicht nur in Englisch.

Ein dritter Junge, vormals ein klassischer „Computerfreak“, der kaum noch einen Fuß vor die Tür setzte, hatte sich auf der Klassenfahrt verliebt. Die Erfahrung, einen Menschen zu treffen, der ihn selbst so akzeptierte, wie er war, warf ihn im positiven Sinne „aus der Bahn“. Sie motivierte ihn dazu, dem Computer zu entsagen und die Dinge zu ändern, die ihn an sich selbst ohnehin störten. Denn insgeheim war ihm schon lange klar, dass er bei aller im Cyberspace erworbenen Macht und Anerkennung im Begriff war, seine Jugend zu verpassen.

Die Beispiele mögen zum Teil spektakulär klingen – nicht jedem wird z.B. ein Auslandsaustausch möglich sein und die erste Liebe lässt sich auch nicht planen. Entscheidend ist aber die Erkenntnis, dass es einen Ausweg gibt aus der Sucht und dass dieser in der Regel nicht in therapeutischen Maßnahmen zu finden ist. Auch ein vermeintlich unbedeutendes Erlebnis, eine Begegnung mit einem Menschen etwa, eine selbstständig erbrachte Leistung und die Anerkennung durch eine andere Person können der Auslöser für Veränderung sein. Der Einfluss von Eltern ist begrenzt, aber er ist vorhanden – und unendlich wichtig. Hirnforscher Hüther fasst es so zusammen: „Wer also Kinder [...] stark machen will, muss ihnen schwierige Aufgaben übertragen, ihnen Mut machen und ihnen Vertrauen schenken. So einfach ist das.“

Literturempfehlungen

Wolfgang Bergmann,

„Erziehen im Informationszeitalter“,
München 2003

Wolfgang Bergmann/Gerald Hüther,

„Computersüchtig. Kinder im
Sog der modernen Medien“, Düsseldorf 2006

Mihaly Csikszentmihalyi und Robert Kubey,

„Fernsehsucht. Wenn Fernsehen zur Droge wird“, in: Spektrum der Wissenschaft, 5/2002

Jürgen Fritz,

“Zwischen Frust und Flow. Vielfältige Emotionen begleiten das Spielen am Computer“, in Fritz, Jürgen/Fehr, Wolfgang (Hg.): „Computerspiele. Virtuelle Spiel- und Lernwelten“ Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2003

Astrid Lindgren,

„Die Kinder aus Bullerbü“, Hamburg 2007

Rainer Patzlaff,

„Der gefrorene Blick. Psychologische Wirkungen des Fernsehens und die Entwicklung des Kindes“, Stuttgart 2000

Manfred Spitzer,

„Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“,