anmeldung.html#loginerror
anmeldung.html#activationerror

Im Bann des Bildschirms

Smartphone und Computer im Alltag unserer Kinder

Paul ist ein sechzehnjähriger Junge, wie wir ihn im Lernwerk immer häufiger kennen lernen: eher zurückhaltend, wenig kommunikativ, nicht direkt unsportlich, aber offensichtlich wenig geübt mit Ball und Fahrrad. Dafür ein Crack, was den Umgang mit dem Computer angeht. Seit er mit dreizehn einen eigenen PC bekam, sitzt er immer häufiger vor dem Bildschirm. Die Noten werden schlechter, die Eltern sind überrascht und besorgt: „Er war doch früher immer so ein kluger Junge.“

Victoria ist dreizehn Jahre alt. Der Unterricht geht momentan ziemlich an ihr vorbei. Sie hat nur ein Wort dafür: langweilig. Zuhause will sie von Schule erstmal nichts mehr wissen. Sie beantwortet ihre rund um die Uhr eintreffenden Kurznachrichten und gleichzeitig sucht sie in Ihren Film-Apps nach einem Programm, welches ihre Langeweile vertreibt. Ihre Lieblingsthemen rund um Liebe und Eifersucht sind zwar immer ähnlich, aber besser als Hausaufgaben sind sie allemal. Dementsprechend schleppend werden diese erledigt und ihre Mutter ist zunehmend verzweifelt. „Früher war sie so pflegeleicht, hat gelesen, ist geritten. Aber jetzt ist sie nur noch mit ihrem Handy beschäftigt. Wenn wir am Wochenende mal etwas gemeinsam unternehmen möchten, eine Wanderung zum Beispiel, will sie nicht mit.“

  

Warum nicht einfach abschalten?

Fingerübungen
Swantje erklärt
Bewegungsübungen

Solche und ähnliche Kinder treffe ich täglich. Kinder, die oft mehrere Stunden am Tag vor dem Bildschirm verbringen und die auf die Frage, warum sie nicht einmal etwas anderes tun, konsterniert fragen: „Was soll ich denn sonst machen?“ Kinder, die trotz guter Intelligenz und schneller Auffassungsgabe bei den täglichen Aufgaben vergesslich und unkonzentriert wirken, denen es schwerfällt, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und vor allem: entsprechend zu handeln. Denn die meisten erkennen durchaus, dass Computer, Fernseher und Smartphone ihre Zeit auffressen und sich negativ auf die Schulleistungen auswirken.
Sie schaffen es aber einfach nicht, ihr Verhalten zu ändern.
Manche von ihnen bezeichnen sich selbst als süchtig, andere würden den Begriff der Sucht weit von sich weisen. Mir geht es weniger um Begrifflichkeiten, als um das Phänomen, das hinter diesem Verhalten steckt. Was ist es eigentlich, das Kinder an der Medienwelt so anziehend finden? Und wieso kommen sie so schwer davon los? Ein Blick auf die Suchtforschung kann bei der Klärung dieser Fragen womöglich weiterhelfen.

  

Jungs reiben sich die Augen vor Erschöpfung.

Schlechte Angewohnheit oder Sucht?

Die Anerkennung exzessiven Mediengebrauches als Sucht ist noch relativ jung, was damit zusammenhängt, dass Suchtforscher lange Zeit auf die Einnahme eines bestimmten Suchtstoffes fixiert waren (Alkohol, Drogen etc.). Erst die moderne Hirnforschung hat den Suchtbegriff auch auf nicht stoffliche Süchte erweitert. Grundlage dessen sind bahnbrechende Erkenntnisse über die enorme nutzungs- und erfahrungsabhängige Formbarkeit des menschlichen Gehirns.
Kurz gesagt: Es geht um die Macht der Gewohnheit. Der Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther formuliert es in seinem Buch „Computersüchtig“ so:
„Im Gehirn von Menschen, die ihr Gehirn [...] immer wieder auf die gleiche Weise für das Erreichen eines bestimmten Ziels benutzen, entstehen aus den dabei aktivierten, anfänglich noch sehr filigranen Nervenverbindungen allmählich immer fester gebahnte Wege, Straßen und am Ende sogar breite Autobahnen, von denen man, wenn überhaupt, dann gar nicht so leicht wieder herunterkommt.“

Welche Rolle spielen die Gefühle im Zusammenhang mit einer Abhängigkeit?

Entscheidend für die Herausbildung einer Abhängigkeit ist aber nicht allein die regelmäßige Nutzung der immer gleichen Nervenverbindungen. Hinzukommen muss eine „Aktivierung der emotionalen Zentren im Gehirn“ – also ein Gefühl. Dieses Gefühl muss sehr stark sein – so stark, dass ein negatives Ausgangsgefühl (Angst, Unsicherheit, innere Unruhe, Unzufriedenheit) plötzlich verschwindet, weil man etwas Bestimmtes tut. Man kommt zum Beispiel aus der Schule oder von der Arbeit nach Hause – verärgert, überlastet, unzufrieden – setzt sich vor den Fernseher oder den PC und nach einer Viertelstunde ist der ganze Frust vergessen. Die jeweilige Verhaltensweise ist so befriedigend, dass im emotionalen bzw. „Belohnungszentrum“ des Gehirns der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet wird, der Glücksgefühle auslöst. Und genau wegen dieser Glücksgefühle wird das Verhalten ständig wiederholt. Erst durch die Dopaminausschüttung kommt es also zu den beschriebenen Bahnungsprozessen im Gehirn.

Nun ist das Streben nach belohnenden Gefühlen nicht nur bei Jugendlichen verbreitet. Wir Erwachsene haben ebenfalls Bewältigungsstrategien entwickelt, um den negativen Gefühlen des Alltags zu entfliehen. Der eine braucht seinen täglichen Waldlauf, die andere ihre Tasse Kaffee am Nachmittag, die regelmäßige Shoppingtour am Wochenende oder eben auch den Fernseher. Was aber macht gerade den Medienkonsum und hier ausgerechnet Computerspiele und Smartphones so attraktiv?