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flow - Der Weg zum Glück durch Tätigsein

Der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (gesprochen „Mihai Tschik-sent-mihai“) gilt als führender Experte der Glücksforschung. In seinen Untersuchungen der letzten dreißig Jahre kam er zu folgender Erkenntnis: Das größte Glück erleben Menschen nicht etwa im Urlaub im Liegestuhl am Meeresstrand. Die besten Momente im Leben sind nicht die passiven oder entspannten. Glück ereignet sich bei der Arbeit, im Rahmen von Tätigkeiten, die unser ganzes Leistungsvermögen in Anspruch nehmen.

Nur wenn wir (heraus-)gefordert werden, können wir das Glücksgefühl erreichen, das Csikszentmihalyi als flow bezeichnet: dermaßen in eine Tätigkeit vertieft sein, dass nichts anderes eine Rolle zu spielen scheint – wie Kinder während des intensiven Spiels.

Im flow läuft alles wie von selbst

Im flow läuft alles wie von selbst. Die Grenzen des eigenen Ich scheinen zu verfließen, das Zeitgefühl ist verändert oder geht ganz verloren. Die Tätigkeit folgt nicht mehr einem bestimmten Ziel, sondern wird zum Selbstzweck. Künstler berichten häufig von flow-Erfahrungen beim Malen oder Musizieren, ebenso Sportler beim Erbringen körperlicher Höchstleistungen.

Doch sind diese Aktivitäten wirklich mit den Tätigkeiten des Alltags vergleichbar?
Ist es überhaupt möglich, insbesondere auch bei schulischen Aufgaben, flow zu empfinden?

Nach Csikszentmihalyi kann grundsätzlich jede Tätigkeit, und sei sie noch so banal, ein Gefühl von Zufriedenheit und Glück hervorrufen. Allerdings haben flow-Erfahrungen einige spezifische Voraussetzungen, die gerade im Schulleben zu wenig Beachtung finden:

Erste Voraussetzung:

Ein klares, selbst gestecktes Ziel

Zu wissen, was man erreichen will, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine flow-Erfahrung. Abgesehen davon, dass es der Lehrplan vorschreibt: Warum besucht Ihr Kind eigentlich den Englischunterricht im Gymnasium? Plant es für die Zeit nach dem Abitur vielleicht einen längeren Auslandsaufenthalt? Strebt es einen Beruf an, in dem Fremdsprachenkenntnisse gefordert werden? Oder reicht es ihm aus, sich im Urlaub verständigen zu können?

Ist es möglich bei schulischen Aufgabe den Flow zu empfinden?

Zweite Voraussetzung:

Direkte Rückmeldung über den Erfolg

Wer ein konkretes Ziel vor Augen hat, braucht bei jedem Schritt ein Feedback, ob er sich noch auf dem richtigen Weg befindet. Bei den klassischen flow-Aktivitäten (Sportarten, Spiele, künstlerische Tätigkeiten) ist das kein Problem: Ein Fußballer, der das Endspiel gewinnen will, kennt in jedem Moment den Spielstand und weiß bei jeder Aktion, ob sein Bemühen Erfolg hat oder ob er sich weiter anstrengen muss. Aber auch der Englischlerner kann sich von seinen Fortschritten beflügeln lassen, z.B. wenn er sich an der Diskussion in einem internationalen Online-Forum beteiligt und auf seine Beiträge Resonanz erhält. Oder wenn es ihm plötzlich gelingt, die Liedtexte seiner amerikanischen Lieblingsband zu verstehen.

Direkte Rückmeldung über den Erfolg

Dritte Voraussetzung:

Ausreichende Fähigkeiten

Bei der Definition der Ziele ist es wichtig, die zur Verfügung stehenden Potenziale möglichst realistisch einzuschätzen. Denn nichts ist frustrierender, als die Beschränktheit der eigenen Möglichkeiten permanent vor Augen geführt zu bekommen. Und nichts ist langweiliger, als von einer Aufgabe unterfordert zu sein.

Erfülltes und motiviertes Arbeiten ist nur möglich, wenn die Anforderungen einer Tätigkeit im richtigen Verhältnis zu den Fähigkeiten des Handelnden stehen. Nur unter dieser Voraussetzung lernt der Mensch und erwirbt neue Fähigkeiten, mit denen er dann auch schwierigere Aufgaben angehen kann.

Auf die Schule bezogen bedeutet das, genau hinzusehen, was ein Kind zum jeweiligen Zeitpunkt zu leisten im Stande ist und bei welchen Aufgaben Anforderungen und Fähigkeiten aus dem Gleichgewicht geraten. Hier ist weniger oft mehr. Wenn Ihr Kind bei Hausaufgaben oder Klausurvorbereitung nicht weiterkommt, hilft stundenlanges „Üben“ überhaupt nichts.

ausreichende Fähigkeiten um die Herausforderungen zu meistern

Im Gegenteil: Steigern sich Frust und Versagensängste erst bis zur Panik, kann dies Synapsen im Gehirn blockieren. Klares Denken und Lernen werden so unmöglich.

Um in solchen Situationen wieder aufnahmefähig zu werden und neue Motivation zu schöpfen, hilft Ihrem Kind ein gemeinsames schönes Erlebnis mit Ihnen weit mehr als stundenlanges Weiterpauken.

Im Übrigen arbeitet das Gehirn gerade auch in diesen Phasen der Entspannung weiter. Wer regelmäßig arbeitet und am Ball bleibt, kann und sollte sich deshalb ab und zu mit anderen Dingen ablenken. Bei schwierigen Problemlösungen kommt die Erleuchtung nicht selten über Nacht.

Vierte Voraussetzung:

Die Sinn-Frage stellen

Unter den genannten Voraussetzungen kann laut Csikszentmihalyi „auch die banalste und anspruchloseste Beschäftigung“ flow erzeugen, allerdings nur dann, so seine Einschränkung, „wenn man sich entschließt, sie so zu gestalten, dass sie für uns persönlich einen Sinn ergibt.“

Die Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit ist demnach also der entscheidende Faktor aller Motivationsversuche. Dies bestätigt der Management-Trainer Gerhard Huhn in seinem Buch „Selbstmotivation“: „Selbstmotivation heißt letztlich, sich auf das zu konzentrieren, was Bedeutung für einen, was Wert hat, einem selbst wichtig ist.“

die Sinnfrage stellen

Es leuchtet ein, dass sich nur schwer für einen Japanischkurs begeistern wird, wer ungern reist, eher kontaktscheu ist und auch keinerlei Wahrscheinlichkeit sieht, in seinem Leben jemals in Kontakt mit Japanern zu geraten.

Der oben zitierte Satz von Csikszentmihalyi hat aber noch eine zweite Dimension. Er spricht davon, jeder könne seine Beschäftigung selbst so gestalten, dass sie für ihn persönlich einen Sinn ergibt.
Es gibt demnach also durchaus Möglichkeiten, z.B. einer Schulaufgabe, deren Sinn vielleicht nicht unmittelbar erkennbar ist, etwas persönlich Wertvolles abzugewinnen. Dazu ist es notwendig, sich mit der jeweiligen Aufgabe auch wirklich auseinanderzusetzen.

Sinnsuche ist der Schlüssel zur Eigenmotivation

An dieser Stelle sind nicht zuletzt Eltern und Lehrer gefragt. Wenn schon kein Flehen und keine Taschengelderhöhung Ihr Kind dauerhaft dazu bringen wird „Die Leiden des jungen Werthers“ zu lesen oder den Satz des Pythagoras zu studieren: Eine ehrliche Diskussion darüber, was diese Inhalte mit dem eigenen Leben, den Wünschen und Wertvorstellungen des Schülers zu tun haben könnten, kann manches bewirken.

Sinnsuche als Schluessel zur Eigenmotivation

Eine solche Auseinandersetzung mag mühsam sein, denn verständlicherweise wollen Eltern nicht täglich von Neuem über Sinn und Unsinn der Hausaufgaben diskutieren. Gleichwohl sollte die Sinnfrage grundsätzlich immer im Hinterkopf bleiben. Sie ist der Schlüssel zur Eigenmotivation und sie zu beantworten bietet eine der wenigen Möglichkeiten, von außen tatsächlich motivierend auf Kinder einzuwirken.

Huhn ruft Eltern und Schule an dieser Stelle zu mehr Ehrlichkeit und Mut auf und zeigt weitere Wege auf, wie Sinnverwirklichung in der Schule möglich wäre: Er fordert, endlich die Einzigartigkeit jedes Menschen anzuerkennen.
Anstatt zu versuchen, unsere Kinder auf ein bestimmtes, heute ohnehin nicht mehr erreichbares allgemeines Bildungsideal hin auszubilden, empfiehlt Huhn die Orientierung an persönlichen Werten. Anstatt zu versuchen, die Wissensdefizite und Leistungsschwächen der Schüler auszumerzen, solle mehr Augenmerk auf die individuellen Talente jedes Schülers gelegt werden. Hier lägen die Potenziale für wertebewusstes, zielorientiertes und sinnerfülltes Lernen und Arbeiten.

Lesen Sie das Interview mit Dr. Gerhard Huhn auf www.lernwerk.de/dr-gerhard-huhn.

Motiviertes Lernen erfordert Mut

Um eine solche Vision zu verwirklichen, ist Mut gefragt, und zwar von allen Seiten. Der Mut des Schülers, an ihn gestellte Aufgaben nicht einfach unbeteiligt abzuarbeiten, sondern zu hinterfragen, in sich zu gehen und sich selbst zu fragen: Wer bin ich, was kann ich und wohin will ich wirklich? Der Mut der Eltern, neugierig zu sein auf die Talente des Kindes, sie ernsthaft zu fördern und auch einmal bereit zu sein, an anderer Stelle Leistungsdefizite in Kauf zu nehmen. Und den Mut des Lehrers, im eigenen Unterricht immer wieder die Sinnfrage zu stellen und sie gemeinsam mit seinen Schülern zu beantworten.

Bei der Umsetzung dieser Vision müssen also viele mitwirken und sie mag deshalb auf absehbare Sicht auch Vision bleiben.
Doch sollten wir uns bewusst sein, dass unser Glück in den eigenen Händen liegt, wie Csikszentmihalyi betont:

„Es sind nicht die äußeren Bedingungen, die bestimmen, in welchem Maße die Arbeit zu einem hervorragenden Leben beiträgt. Entscheidend ist, wie man arbeitet und welche Erfahrungen man machen kann, wenn man sich den Herausforderungen der Sache stellt.“

Motiviertes Lernen erfordert Mut