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Warum machen Computerspiele Spaß?

Der Pädagoge und Medienforscher Jürgen Fritz erläutert: „[Es sind] weniger die Gefühlsangebote auf der Inhaltsseite der Computerspiele, die zu diesen Gefühlen verhelfen können, als vielmehr funktionale Abläufe, in denen negative Gefühle wie Langeweile und Frust umgeformt werden in Gefühle des Erfolges und der Kompetenz. Unter bestimmten Voraussetzungen ist es sogar möglich, dass sich FLOW-Erlebnisse einstellen.“

An dieser Stelle erinnern Sie sich vielleicht an unseren letzten Elternratgeber zum Thema „Motivation“, in dem wir das FLOW-Konzept aus der Glücksforschung ausführlich vorstellten. Demzufolge wird Glück vor allem im Rahmen von herausfordernden, zielgerichteten Tätigkeiten empfunden, die unser ganzes Leistungsvermögen in Anspruch nehmen. Auf den Inhalt der Tätigkeit kommt es dabei nur am Rande an.

Damit wird deutlich, warum z. B. Egoshooter bei einer bestimmten Gruppe von Jungen so beliebt sind. Nicht das Töten an sich versetzt die Jungs in einen Rausch, sondern das Glücksgefühl, das daraus erwächst, sich selbst ein Ziel zu setzen und es mit den eigenen Mitteln zu erreichen.
Das klingt makaber. Es bedeutet nicht, dass die Gewalt in Computerspielen harmlos wäre und keine Auswirkungen auf unsere Kinder hätte. Gerade weil diese Computerspiele solch perfekte FLOW-Erlebnisse ermöglichen, werden die Erfahrungen und Erlebnisse in den oftmals vielstündigen Computersitzungen besonders gut „gelernt“.

Natürlich wünschen wir uns nicht, dass der Zusammenhang zwischen Freude und Gewalt gelernt wird. Problematisch in diesen Zusammenhang ist auch, dass Jungen mit depressiver Verstimmung zu diesen und anderen Computerspielen neigen. Leere, Unglücklichsein und Isolation werden verstärkt.

Worauf sollten Lehrer und Eltern bei Computerspielen achten?

Uns als Lehrer und Eltern sollte klar sein, dass Computerspiele so aufgebaut sind, dass man möglichst viel Zeit mit ihnen verbringt und sie nicht aus dem Bewusstsein des Spielers rutschen. Durch Smartphones wird diese Tatsache noch verstärkt, da man nun immer und überall verfolgen kann, ob z. B. der "Clan" angegriffen wird. Jetzt ist es auch möglich, zu ungewöhlichen Zeiten, wenn die Gegner weniger aktiv sind (während der Schule, in der Nacht, etc.) in das Spielgeschehen einzugreifen.

Ein Grundproblem ist, dass viele Computerspiele sehr harmlos daherkommen und schon von jungen Kindern mit Erlaubnis der Eltern gespielt werden (z. B. Clash of Clans). Dieses Spiel entwickelt sich weiter, auch wenn man selbst nicht online ist. Dies ist unserer Auffassung nach ein Kriterium, das ein Spiel suchtgefährdend macht. Die Suchtexpertin Anne Wilkening zitierte in einem interessanten Vortrag folgende Studien, um zu erklären welche Art Spiele am stärksten abhängig machen: 

"Das Genre Onlinerollenspiel erhöht signifikant das Risiko für eine Computerspielabhängigkeit. Besonders häufig betroffen sind Spieler von Onlinerollenspielen wie World of Warcraft, Metin und Guild Wars (Rehbein et al. (2010): Repräsentative Neuntklässlerbefragung (n = 15.168; [M] Alter = 15,3 Jahre; Deutschland).
Die Nutzung der Genres Onlinerollenspiel, Rollenspiel und Shooterspiel (z.B.Call of Duty, Counterstrike) erhöht das Risiko für eine Computerspielabhängigkeit. Elliott et al. (2012): Repräsentative Querschnittstudie (n = 3.380; USA)."

Wichtig für Eltern ist es, sich für das aktuelle Computerspiel ihres Kindes zu interessieren, auch einmal mitzuspielen und mit dem Kind im Dialog zu bleiben, um Risiken einschätzen zu können und mit kompetentem Rat zur Seite zu stehen. Nur Ablehnung und nicht hinschauen beseitigt leider den eventuell zu hohen Spielekonsum Ihres Kindes nicht.

Am Computer werden doch auch nützliche Fertigkeiten eingeübt – oder?

Weil die Erlebnisse am Bildschirm aufgrund ihrer belohnenden Wirkung besonders „eingängig“ sind, kommt das, was die Schule zu vermitteln versucht, natürlich viel zu kurz. Der Schulalltag ist eben – leider – zumeist deutlich weniger emotional aufwühlend und involvierend als ein Computerspiel oder der Chat mit den Freunden. Wenn das Gehirn die Wahl hat, ob es sich den Stoff eines Vormittags in der Schule oder die Erlebnisse eines Nachmittags bei „World of Warcraft“ und ein witziges Video, welches die beste Freundin geschickt hat einprägen soll, ist die Entscheidung klar. Dies führt dazu, dass die Realität zunehmend zur Nebensache wird, aus der man schnell wieder entfliehen möchte, weil sich die wirklich glücklich machenden Erlebnisse eben in der virtuellen Welt finden. Für die Schule bleibt schlicht kein Raum.

Kritiker halten dem entgegen, am Computer würden auch Fähigkeiten und Fertigkeiten geschult, die durchaus nützlich seien. Tatsächlich bestätigen Wissenschaftler, dass die Intelligenz und Kreativität von Kindern noch nie so umfassend trainiert gewesen seien wie bei den „Computerkindern“ von heute. Insbesondere ihre Aufmerksamkeit werde durch regelmäßiges Videospielen messbar verbessert. Doch sollte man genau hinschauen und fragen, was diese höhere geistige Leistungsfähigkeit unseren Kindern eigentlich – jenseits der virtuellen Spielwelten – nutzt, ob sie ihnen also dabei hilft, in ihrem realen Leben besser zurecht zu kommen. Daran, so der Hirnforscher Manfred Spitzer, bestehen erhebliche Zweifel. So mag ein Videospiel, bei dem ich ständig von allen Seiten angegriffen werden kann, den Aufmerksamkeitsfokus erweitern. Ich kann nun alles Mögliche um mich herum schneller und effektiver wahrnehmen. Im Schulalltag muss ich mich allerdings in der Regel auf eine Sache konzentrieren – den Lehrer an der Tafel, den Text im Lehrbuch. Das gelingt immer mehr Kindern gerade nicht, wie die Häufigkeit des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS) zeigt, das ja genau dadurch charakterisiert ist, dass ein Kind sich nicht konzentrieren kann, sondern immer von anderen Dingen abgelenkt wird. Wir haben in unserem Lernen-lernen-Kurs gemeinsam mit unseren Schülern das Experiment gemacht, wie viele Kurznachrichten auf dem Smartphone ankommen, wenn man es einen Tag lang ausgeschaltet lässt. Der Gewinner des Kurses erhielt beim Wiederanschalten 572 WhatsApp-Nachrichten. Diese hätte er normalerweise über den Tag verteilt erhalten und wir alle waren überrascht und beunruhigt, wie viel Zeit diese Nachrichten den Schüler gekostet und wie sehr sie ihn abgelenkt hätten.

Noch einmal: Mit mangelnder Intelligenz hat dieses Abgelenktsein nichts zu tun! Wer genau hinschaut, erkennt, dass es diesen Kindern keineswegs schwer fällt komplexe Informationen zu verstehen und Probleme zu lösen. Lediglich die Strategien hierzu seien neu und anders, so der Familienpsychologe Wolfgang Bergmann in seinem Buch „Erziehen im Informationszeitalter“. Anstatt methodisch vorzugehen, wird ein Problem spontan angegangen, intuitiv und experimentell. Ist Papas Computer abgestürzt, so wird nicht etwa das Handbuch konsultiert, sondern herumprobiert, bei Freunden angerufen, im Internet nachgeschaut – und nach gewisser Zeit eine Lösung präsentiert, die funktioniert.

Was den Vater verblüfft, führt in der Schule allerdings zum Problem, denn hier wird gründliches, exaktes und strukturiertes Arbeiten erwartet. Würde der Sohn aufgefordert, seinen Lösungsweg in einem Schulaufsatz niederzuschreiben, wäre der Erfolg wahrscheinlich mäßig. Die strukturierte Wiedergabe von Gedanken oder Geschichten wird eben dort unmöglich, wo Gedanken nicht strukturiert fließen, sondern assoziativ umherspringen.

Wie unterscheiden sich Filmeschauen und Computerspielen in ihrer Wirkung?

Auch hier sind es belohnende Gefühle, die durch das Filmeschauen erzeugt werden, egal, ob sie auf dem Smartphone oder auf dem Fernseher gesehen werden. Die Belohnung liegt aber weniger in der Aktivität, in der Möglichkeit von Steuerung und Kontrolle, sondern im Nichtstun, in der Entspannung und Passivität. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen dies. Probanden berichten von einem entspannten und passiven Gemütszustand, der anhält, solange sie fernsehen, und abrupt abbricht, wenn das Gerät abgeschaltet wird. Weil die Entspannung rasch einsetzt, wird der Filmkonsument darauf konditioniert, Fernsehen mit Beruhigung und Spannungsabbau zu assoziieren.

Der beschriebene Entspannungszustand lässt sich übrigens im Gehirn anhand der Gehirnströme messen. Schon vor einigen Jahrzehnten stellten Wissenschaftler fest, dass das Gehirn beim Fernsehen in den sog. Alpha-Zustand versetzt wird, der ansonsten beim Übergang von Wachheit zum Schlaf oder beim Meditieren auftritt. Dieser Zustand ist vergleichbar mit einer Trance oder Hypnose, Bewusstseinsstadien also, in denen die Willenssteuerung weitgehend ausgesetzt ist. Nach meiner Erfahrung ist es genau das, was viele Schüler, gerade Mädchen, beim nachmittäglichen Schauen von Filmen und Serien suchen: den Schulalltag ausblenden und an nichts mehr denken müssen.

Das Bedürfnis nach Entspannung ist natürlich legitim. Doch ausgerechnet dieser Dämmerzustand und die damit verbundene Willenlosigkeit beim Fernsehen machen es so schwer, irgendwann auch wieder „aufzuwachen“ und sich den Herausforderungen der Realität, z.B. den Hausaufgaben, zu widmen. (Vertiefendes zu den gehirnphysiologischen Wirkungen des Fernsehens bei Rainer Patzlaff „Der gefrorene Blick“.)

Achtung, Löschung!

Wenn über den ganzen Tag konstant Informationen angeboten werden, weiß das Gehirn nicht mehr, welche Information relevant ist und ins Langzeitgedächtnis gelangen soll. Die starken Bilder der elektronischen Medien können den Lernstoff aus der Schule im Hirn überlagern. Daher ist es wichtig für die Schüler zu wissen, dass Medienkonsum vor den Hausaufgaben dazu führt, dass man sich nicht zum Lernen aufraffen kann. Benutzt man seinen Computer oder sein Smartphone zum Fernsehen, Spielen und Chatten direkt nach dem Lernen oder in den Lernpausen, so kann der gerade eingeprägte Stoff gelöscht werden. Dies ist besonders relevant, wenn man sich in Prüfungsphasen und Klausurvorbereitungen befindet.

Smartphones - die neue Herausforderung

"Lara und Marie haben auch schon eins!", das hören sich Evas Eltern nun schon seit Wochen an. So ist klar, was sich Eva zu ihrem neunten Geburtstag an erster Stelle wünscht: ein Smartphone. Praktisch wäre es schon für sie, ein eigenes zu haben, denn ihre gesamte Hockeymannschaft tauscht sich über einen Gruppen-Chat über die Trainingszeiten aus. Evas Eltern werden langsam weich.

Der Besitz eines Smartphones birgt viele Herausforderungen, die man, wenn ein Kind klein ist, noch nicht so recht abschätzen kann. Vielen Eltern machen sich nicht genügend klar, dass ein Smartphone ein Computer und Fernseher im Kinderzimmer bedeutet. Ein Smartphone ist immer und überall verfügbar. Das bedeutet für das Lernen: Wenn die Hausaufgaben nicht spannend sein sollten, ist der Griff zum Telefon vorprogrammiert. Die Möglichkeiten sind beinahe unbegrenzt. Man könnte nach den interessantesten neuesten Sneakers suchen, sich einen guten Song anhören, wütende Vögel durch die Gegend katapultieren, die neueste Folge der Lieblingsserie schauen und mal sehen, wie doof die anderen die Hausaufgaben finden.

Noch ist Eva klein, doch je älter sie wird, desto mehr Diskussionen wird es geben. "Leg bitte das Handy beim Essen weg!", "Mach das Gepiepe aus bei den Hausaufgaben, du kannst dich ja gar nicht konzentrieren!", "Schlaf jetzt, es ist spät. Mach das Ding aus!" ... Smartphones sind so konzipiert, dass der Konsument kaum noch darauf verzichten kann. Dies gilt auch für Erwachsene (Termine machen, Schritte zählen, Podcasts hören, ...). Wenn wir ehrlich sind, verbringen wir auch zu viel Zeit am Handy. Daher sollten Sie sich als Eltern vor der Anschaffung eines Smartphones für Ihr Kind über die Reizüberflutung und Off-Zeiten klar werden und mit dem Kind ausführlich darüber reden. Oft hilft es auch, etwas schriftlich zu fixieren. Allen Eltern, die sich an dieser Stelle sagen, "ich werde doch meinem Kind keinen unbegrenzten Internetzugang gewähren", sei gesagt, dass Kinder im Auffinden von Hot Spots einfach genial sind. 

Außerdem raten wir Ihnen, sich ausführlich über folgende Punkte zu informieren und diese zusammen mit Ihrem Kind zu besprechen:

  • Datenschutz im Internet
  • Akzeptieren von App-Bedingungen
  • Das Hochladen von eigenen Bildern und Bildern von Freunden
  • Das Veröffentlichen von privaten Informationen
  • Wie sicher ist eigentlich unsere Chatgruppe vor unerwünschten Besuchern?
  • Welche Chatgruppe sollte man wählen in Bezug auf den Datenschutz?
  • Das Kennelernen im Internet (Falschangaben) und die Gefahr, sich mit Fremden zu treffen
  • Cypermobbing
  • Was sind Cookies und wie löscht man sie?
  • Das Herunterladen von illegalen Materialien (Filme, etc.)
  • Das Öffnen von zugesendeten Videos, insbesondere von unbekannten Absendern, aber auch von Klassenkameraden
  • Geld-Transaktionen im Internet
  • Online-Spiele
  • Gefahr, dass das Handy des Kindes "abgezogen" wird

Keine Hörspiele zum Einschlafen:

Hier noch ein Tipp für Eltern von jüngeren Kindern.

Lisa ist abends quengelig und will nicht einschlafen. Ihre Eltern sind gegen Fernsehen. Hörspiele, besonders Hörbücher, finden sie dagegen viel besser. Allerdings hört Lisa am liebsten immer die selbe CD. Sie hat sich angewöhnt, bei diesem Hörspiele einzuschlafen. Was die Eltern nicht wissen, dass dies fatale Auswirkungen auf die Schulleistungen haben kann. Im Gehirn verankert sich nämlich die Erfahrung, dass Lisa immer dann abschalten kann, wenn jemand spricht. Das passiert ihr dann auch im Unterricht, wenn der Lehrer etwas erklärt.

Deshalb raten wir grundsätzlich davon ab, Hörspiele und Radio im Einschlafprozess zu hören, um die Ohr-Aufmerksamkeit zu erhalten.