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Tipps zum Thema "Medien und Lernen"

Was Eltern tun können

Im Gespräch

»Wer, wenn nicht ich? Wann, wenn nicht jetzt?«

Interview mit dem Management-Trainer und Buchautor Dr. Gerhard Huhn über Motivation.

Lernimpuls: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Selbstmotivation“ verfasst. Darin orientieren Sie sich unter anderem an dem sog. flow-Modell des Glücksforschers Mihaly Csikszentmihalyi. Dieser geht davon aus, dass wir Freude und Glück vor allem bei der Arbeit, bei geistiger oder körperlicher Anstrengung empfinden, und nicht beim Faulenzen. Dann müsste der Schulunterricht doch eigentlich ein Quell des Glücks sein. Warum gehen viele Kinder trotzdem so ungern zur Schule?

Dr. Gerhard Huhn: Grundsätzlich - also wissenschaftlich gesehen - lassen sich mit jeder Art von Aktivität, also auch mit jedem Lernstoff flow-Erfahrungen machen. Der Zugang zu flow-Erfahrungen erfordert aber das Erfüllen einer ganzen Reihe von äußeren wie inneren Faktoren. Hier sind Kinder – die übrigens beim Spielen eine flow-Erfahrung nach der anderen machen - ohne Anleitung möglicherweise überfordert, da sie nicht wissen, warum Spielen flow-Erfahrungen auslöst und Lernen nicht so ohne weiteres. Eltern und Lehrer müssten sich zunächst selbst mit den einzelnen Aspekten des Zustandekommens einer flow-Erfahrung beschäftigen.

 

In der ersten Ausgabe von „Lernimpuls“, dem neuen Beratungsdienst des Lernwerks, erhalten Eltern einen Überblick über das flow-Modell. Bitte fassen Sie doch noch einmal kurz zusammen, was flow eigentlich ist.

flow ist im Grunde eine interne Rückkoppelung, dass das, was wir tun, genau das Richtige ist. Das löst dann ein faszinierendes und motivierendes Glücksgefühl aus, das zu jeder Art von Anstrengung befähigt.

 

Viele Schüler haben in der Schule bisher anscheinend nicht das Gefühl, „das Richtige“ zu tun. Was können Eltern und Schule unternehmen, um das zu ändern?

Vor allem bei den Lehrern wäre ein Engagement nötig, erstens den Sinn des zu Lernenden zu vermitteln und dann zweitens den Kindern die einzelne Lernaufgabe als eine mögliche Herausforderung darzustellen, deren Bewältigung ein starkes Gefühl des Gelingens auslösen kann. Davon muss ein Lehrer natürlich erst selbst überzeugt sein, bevor er das Gefühl bei seinen Schüler auslösen kann.

 

Der Lehrer muss also lernen, den Schülern seine Aufgaben schmackhafter zu machen, sie besser zu verkaufen?

Ich kann nur warnen, in der flow-Erfahrung einen bequemen Mechanismus zu vermuten, mit dem man besser manipulieren kann. Genau das wird nicht nur nicht funktionieren sondern einen kaum zu wiedergutmachenden Schaden anrichten.

 

Worauf kommt es stattdessen an?

Wie ich schon sagte: Der Lehrer muss den Sinn des zu Lernenden vermitteln. Wir werden um die Sinnfrage nicht herumkommen, denn das Gehirn ist, wie Peter Sloterdijk einmal so treffend formuliert hat „nicht in erster Linie ein Speicherorgan, sondern ein Organismus zur Abwehr unwillkommener Neuerfahrungen.“ Das Gehirn behält nur Willkommenes und das ist das, was Sinn macht. Wenn die Lehrer das nicht ausreichend vermitteln können - aus Zeit- oder anderen Gründen - dann bleibt diese Aufgabe bei den Eltern.

 

Neben der gemeinsamen Suche nach Sinn in den Schulaufgaben: Was sonst können Eltern tun, um ihre Kinder bei der Selbstmotivation zu unterstützen?

Eltern sollten sich des Spannungsverhältnisses von extrinsischer Motivation und intrinsischer Motivation bewusst sein.

 

Extrinsisch heißt, eine Leistung wird von außen belohnt, z.B. durch Lob, Benotung oder Bezahlung. Intrinsisch heißt, eine Leistung wird aus sich selbst heraus als lohnenswert empfunden.

Genau. Zu Beginn einer Lernaufgabe sollten Eltern und Kind das zu erreichende Ziel genau besprechen. Es muss eine Formulierung gefunden werden, die die Erkennbarkeit der Zielerreichung deutlich macht. Der Schüler muss genau den Moment erkennen können, in dem er das gesetzte Ziel erreicht hat. Dann sollte eine Aufteilung in Zwischenziele erfolgen. Diese müssen realistisch sein und gegebenenfalls verändert werden, wenn man sich verschätzt hat. Bei den ersten drei bis vier Zwischenzielen in einem neuen Themengebiet, in dem der Schüler noch keine Erfolgserlebnisse als Referenzerfahrungen besitzt, sind extrinsische Motivierungen in Form von Belohnungen durchaus sinnvoll. Sobald sich erste Erfolgserlebnisse, also flow-Erfahrungen, einstellen sind weitere extrinsische Belohnungen kontraproduktiv. Hier sollte die Aufmerksamkeit des Kindes auf seine Körpergefühle, auf seine Freude, seinen Stolz fokussiert werden. Das Genießen von Fortschritten sollte regelrecht ritualisiert eingeübt werden und nicht als selbstverständliches Erfüllen von Anforderungen bagatellisiert werden.

 

Nochmal zurück zu den Einflussmöglichkeiten der Schule auf die Motivation unserer Kinder. Wie können Lehrer die intrinsische Motivation in ihren Schülern wecken und fördern?

Indem sie die Stärken des einzelnen Schülers entdecken, sie dann bei ihren Stärken herausfordern und nicht mit ihren Schwächen fertig machen. Wo Schwächen sind, sollten sehr sorgfältige Erwägungen stattfinden: Ob man mit spezieller Energie an ihre Überwindung herangeht und gerade dort eine Möglichkeit für flow-Erfahrungen sieht – nämlich in der Bewältigung einer besonderen Herausforderung. Oder ob man die Schwäche hinnimmt und Selbstvertrauen und Lernlust bei den Stärken weiter ausbaut.

 

Sie sind also ein Verfechter der Strategie, die eigenen Talente auszubauen und optimal einzusetzen anstatt zu versuchen, eigene Schwächen auszumerzen. Hieße das, die Fünf in Mathe eine Fünf sein lassen und stattdessen aus der Drei in Deutsch eine Zwei machen? Widerspricht sie nicht unserem gesellschaftlichen Anspruch vom möglichst breit und vielseitig ausgebildeten Menschen?

Das angesprochene Ideal war, als es von Humboldt postuliert wurde, bereits nicht mehr realisierbar und wird immer weniger realisierbar sein, da die Mengen des vorhandenen menschlichen Wissens von einzelnen Individuen nicht mehr erfassbar sind. Wir Menschen sind jeder von uns einzigartig und wir sollten unsere Einzigartigkeit nutzen, uns gegenseitig zu helfen, zu ergänzen und zu begeistern und nicht in einer Konkurrenz miteinander um den perfekten vollendeten Menschen in Stress und Dauerfrustration hineinmanövrieren.

 

Was müssen Elternhaus und Schule stattdessen leisten? Wozu müssen wir unsere Kinder Ihrer Meinung nach befähigen?

Mir ist das Ideal von Viktor Frankl und seinem Schüler Walter Böckmann entschieden wirklichkeitsnäher: Der Mensch ist ein nach Sinn strebendes Wesen und Sinn erfährt er, indem er Werte verwirklicht. Wertebewusstsein und daraus entwickelte Zielklarheit sind im Schulleben viel zu wenig genutzte Antriebskräfte. Aber sie sind von größerer Bedeutung für die Zukunftsgestaltung als eine umfassende Bildung mit Wissensmengen, die ohne eigenen Sinnbezug nur wegen der Noten oder des Weiterkommens angesammelt werden. Wie würde eine zukünftige Welt aussehen, wenn in jeder Klasse ein Plakat hängt mit der Frage: »Wer, wenn nicht ich? Wann, wenn nicht jetzt?«



Dr. Gerhard Huhn, * 1945, Unternehmensberater und Managementtrainer. Beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit den praktischen Aspekten der Gehirnforschung, speziell mit den Konsequenzen für Lernprozesse, Motivation, Kommunikation und Kreativität.
Seminare, Vorträge und Veröffentlichungen zu diesen Themen, zuletzt das Buch „Selbstmotivation“, zusammen mit Hendrik Backerra, Hanser Verlag München 2002.