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Welt: Zu jung für die Schule: Viele Grundschüler sind überfordert

05.05.2008

Etwa 2500 fünfeinhalbjährige Kinder werden schulpflichtig – Immer mehr brauchen sofort Nachhilfe

Von Regina Köhler

Die Zwillinge Thomas und Tobias (Namen geändert) sind gerade fünfeinhalb Jahre alt und noch überaus verspielt, ihre motorischen Fähigkeiten sind längst noch nicht voll ausgebildet. Geradeaus oder rückwärts zu laufen fällt ihnen ebenso schwer wie mit der Schere zu schneiden oder einen Stift zu halten.

Gegen den Willen der Eltern werden sie dennoch im Spätsommer 2007 eingeschult. Nach einem halben Jahr erhalten die Eltern einen Mahnbrief der Schule, der ihnen den Atem verschlägt. Darin werden die Söhne für ihr frühkindliches, nicht schulgemäßes Verhalten gerügt. Den Eltern wird vorgeworfen, mit ihren Kindern nicht genug zu üben und auch sonst ihre Erziehungsaufgaben zu vernachlässigen. Verzweifelt suchen sie daraufhin Rat bei einem Nachhilfeanbieter.

Die Zwillinge sind kein Einzelfall.Der Nachhilfebedarf bei Grundschülern hat stark zugenommen. Berlins erste Reformnachhilfeschule„Lernwerk“, gegründet vor zehn Jahren, betreut gegenwärtig 1200 Kinder. Laut Swantje Goldbach, Gründerin und pädagogische Leiterin des „Lernwerks“, hat sich dabei der Anteil der Grundschülerin den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Mittlerweile ist jeder zweite „Lernwerk“-Schüler ein Grundschüler. Eine wesentliche Ursache für diese Entwicklung sieht Expertin Goldbach in der Einschulung von Fünfjährigen. „Schulen und Lehrer sind nicht vorbereitet worden auf die jüngeren Erstklässler, der Unterricht ist dementsprechend nicht auf sieausgerichtet.“ Die Klassen seien zu groß, die Lehrpläne unangepasst, der Unterricht zu starr für sehr junge Kinder.

Auch Inge Hirschmann, Vorsitzende des Grundschulverbandes, warnt vor einem Anstieg der Zahl von Grundschülern mit Lernschwierigkeiten. „Die Schulen hätten sich auf die Einschulung von Fünfeinhalbjährigen einstellen müssen. Das ist nicht geschehen“, sagt sie. Es fehle an Personal und ausreichend Räumlichkeiten.

Die Situation werde sich noch verschärfen, befürchtet Hirschmann: „Im kommenden Schuljahr werden viele Klassen mit 28 Schülern starten, darunter auch viele erste Klassen.“ Das habe mit den neuen Richtlinien der Lehrerzumessung zu tun, die Klassengrößen von bis zu 28 Kindern ermöglichen. „Schulen mit Raumproblemen werden von den Bezirken angehalten, möglichst große Klassenaufzumachen. Auch besonders gefragten Schulen bleibt meist nichts anderes übrig“, sagt Hirschmann. Vor allem für sehr junge Schüler seien große Klassen aber völlig ungeeignet.

2005/2006 wurden zum ersten Mal in Berlin Fünfeinhalbjährige eingeschult. Das neue Schulgesetz verlegte die Schulpflicht rigoros einhalbes Jahr vor. Zugleich wurden die Rückstellungsmöglichkeiten abgeschafft. Während zuvor Tausende Spätentwickler noch ein Jahr Aufschub hatten, mussten nun alle eingeschult werden – es sei denn, eine ärztlich attestierte Behinderung lag vor. An dieser Stelle ist die Bildungsverwaltung allerdings zurückgerudert.

Mit dem nächsten Schuljahr soll „die Befreiung von der Schulbesuchspflicht“ wieder einfacher werden. „Wenn Kinder durch einen großen Entwicklungsrückstand von Behinderung bedroht sind, können Eltern ein entsprechendes Attest vom Amtsarzt vorlegen“,sagt Kenneth Frisse, Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner(SPD). Ob und wie viele Eltern der rund 25. 000 Kinder, die im September eingeschult werden müssten, davon Gebrauch machen, steht noch nicht fest. Die Anträge sollten so schnell wie möglich gestellt werden, heißt es. Laut Bildungsverwaltung ist davon auszugehen, dass wie im vergangenen Schuljahr wieder etwa 2500 Schulanfänger erst fünfeinhalb Jahre alt sind.

„Not und Sorge bei den Eltern sind groß“, weiß auch Katrin Hübner,Vorsitzende des Fachverbandes für integrative Lerntherapie Berlin Brandenburg, der rund 50 lerntherapeutische Einrichtungen vertritt. Die Sonderpädagogin sieht die Ursachen wachsender Lernschwierigkeiten der Grundschüler vor allem in den unzureichenden schulischen Rahmenbedingungen: „Es fehlt vielen Schulen schlicht und einfach an Personal, um Reformen wie dasvorgezogene Einschulungsalter oder die Jahrgangsmischung entsprechend umzusetzen.