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Tagesspiegel: Die kleinen Superhirne

29.05.2010

Tagesspiegel 29.05.2010 von Silke Zorn

Weiß ich alles längst ... Kinder mit einem hohen IQ schalten in der Schule oft ab, weil sie sich langweilen. Eine Klasse zu überspringen wirft aber neue Probleme auf.

Sie lesen mit vier und bringen sich mit fünf selbst das Geigespielen bei. Doch in der Schule haben hochbegabte Kinder oft Probleme.

Lottes Eltern wissen noch genau, wann sie das erste Mal stutzig wurden. Als Lotte gerade ins erste Schuljahr gekommen war, überlegte sie sich selbstständig: -3 - 4 = - 7. „Ist doch klar“, erklärte die damals knapp 6-Jährige der verdutzten Mutter, „das geht ja dann in die andere Richtung vom Zahlenstrahl.“ Schon vorher war Andrea Jürich aus Köln aufgefallen, dass ihre Tochter für ihr Alter ziemlich weit war. „Mit 14 Monaten sprach sie in ganzen Sätzen. Und mit gut vier Jahren hatte sie sich das Lesen selbst beigebracht, kurze Zeit später das Schreiben.“ Jetzt ist Lotte gerade vom 2. ins 3. Schuljahr gesprungen, weil ihre Klassenlehrerin sie für absolut unterfordert hielt.

Hochbegabung ist gar nicht so selten, wie viele denken. „Man geht von 360 000 bis 380 000 Kindern in Deutschland aus“, erläutert Psychologie-Professor Detlef Rost von der Universität Marburg, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Das sind etwa zwei bis drei Prozent. Als hochbegabt gilt man mit einem Intelligenzquotienten von 130 oder höher. Zum Vergleich: Einen IQ von 100 oder mehr erreichen 50 Prozent der Bevölkerung, mit einem IQ von 115 gehört man zu den 16 Prozent Leistungsbesten.

Hochbegabte Kinder fallen schon früh auf. „Sie interessieren sich für Erwachsenenthemen wie Gerechtigkeit oder das Leben in seiner Vielschichtigkeit“, sagt Swantje Goldbach, die in ihrer Berliner Nachhilfeschule Lernwerk viele Hochbegabte betreut und vor zwei Jahren das Unterrichtskonzept für die Hochbegabtenschule des Elisabethstifts in Reinickendorf entwickelt hat. „Sie bringen sich selbst Lesen, Schreiben oder ein Instrument bei. Und sie sind oft sehr vergrübelt, schnell gelangweilt von Routineaufgaben und haben ein großes Bedürfnis nach Unabhängigkeit.“ „Viele ecken bereits im Kindergarten an, weil sie nicht das altersgerechte Puzzle mit 16 Teilen machen wollen, sondern das mit 100“, sagt Madeleine Majunke von der Gesellschaft für das hochbegabte Kind in Königswinter. Ihr eigener Sohn Frederik ist vom 1. ins 3. und vom 3. ins 5. Schuljahr gesprungen. „Er hat sich einfach furchtbar gelangweilt. Mit den neuen Klassenkameraden ist er prima zurechtgekommen.“

Swantje Goldbach ist beim Thema Überspringen skeptischer. „Nicht nur der Kopf, auch die Seele muss sich entwickeln“, meint die Pädagogin. Gerade für Hochbegabte seien Freundschaften besonders wichtig. „Oft sind sie motorisch nicht so gut entwickelt und geraten im Klassenverband leicht in die Opferrolle.“ Macht ein Kind in der Schule wirklich alles mit Links, rät sie eher, die ungenutzte Energie in andere Aktivitäten zu stecken: Sind die Hausaufgaben schnell erledigt, bleibt umso mehr Zeit zum Toben oder fürs Sporttraining. Überhaupt empfiehlt Goldbach Eltern, nicht nur die Begabung ihres Kindes zu fördern, sondern mit ihm den ganz normalen Alltag zu leben – mit all seinen schönen und nervigen Seiten. Denn: „Auch in der Schule müssen sie sich an Regeln und Normen anpassen.“

Wem das nicht gelingt, der bekommt Probleme. Rund ein Sechstel der Hochbegabten werden zu „Underachievern“ mit schlechten Noten. Sie langweilen sich im Unterricht, schalten einfach ab, entwickeln sich zum Störenfried oder Klassenclown. Swantje Goldbach erinnert sich an einen Achtklässler, der mit einer Fünf in Mathe zu ihr kam, weil er sich nie an die Lösungswege des Lehrers hielt. Stattdessen rechnete er die Aufgaben rückwärts – vollkommen richtig. Gemeinsam mit ihm und anderen Hochbegabten mit Schulschwierigkeiten entwickelt sie Strategien, wie sie ihre Langeweile besser kontrollieren. Als Ausgleich zur Kopfarbeit werden die Kinder im Lernwerk mit allen Sinnen angesprochen, dürfen bauen, beobachten und experimentieren.

Stimmen die Schulnoten, sieht die Pädagogin aber keine Notwendigkeit für zusätzlichen Förderunterricht – im Gegenteil. „Lieber alles ein bisschen ruhiger angehen lassen, damit die Kinder Zeit für sich selbst haben“, lautet ihr Rat an die Eltern. Auch Detlef Rost von der Uni Marburg hält wenig davon, den Nachwuchs zum Beispiel auf eine Eliteschule zu schicken: „Sie werden später zu 98 Prozent mit Normalbegabten zu tun haben, also sollten sie schon früh lernen, mit ihnen auszukommen.“

Eine Legende ist es übrigens, dass Superhirne mit weniger Schlaf auskommen. „Totaler Quatsch“, urteilt Detlef Rost: „Mich hat sogar mal eine Mutter gefragt, ob ihre Tochter wirklich hochbegabt sein könne, sie schlafe so viel.“ Besorgten Eltern kann hier Albert Einstein als Vorbild dienen: Mit einem IQ von 160 kamen ihm die besten Ideen nach zwölf Stunden Schlaf.

(mit Barbara Driessen, epd)


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