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Swantje Goldbach und das Lernwerk - ein Portrait auf Deutschlandradio Kultur

15.06.2009

Flash ist Pflicht!

Am Montag, den 15. Juni, um 13.05 Uhr konnten Sie auf Deutschlandradio Kultur (89.6 UKW) ein etwa 20-minütiges Portrait über Swantje Goldbach, Gründerin und pädagogische Leiterin des Lernwerks, und ihren langjährigen Einsatz für Schüler und Schülerinnen hören.

Kann man Lernen lernen?

Das Lernwerk in Berlin und Potsdam behauptet ja!

Von Janje Hannover

"Ich bin selbst mein bester Fall", erzählt Swantje Goldbach. Ihre eigenen Methoden zum Lernen lernen konnte sie als Lehrerin in einer "Schule für verhaltensauffällige Kinder" weiter entwickeln. Schließlich wurde daraus eine Geschäftsidee.

Die Glockenstraße in Berlin-Zehlendorf könnte ebenso gut in einem Vorort von Hamburg oder München liegen: Freistehende Einfamilienhäuser in großzügig angelegten Gärten, Rhododendron und Fliederbüsche arbeiten sich durch schmiedeeiserne Gartenzäune, zwischen den Gehwegplatten wachsen Gras und Wiesenblumen. Niemand ist unterwegs, nur hin und wieder fährt ein Auto vorbei.

Inmitten dieser Oase des Friedens liegt das Lernwerk: der schlichte Bungalow mit den quittegelben Wänden lädt geradezu ein, ihn zu betreten. Das Gartentor ist geöffnet, die Haustür angelehnt. Im Flur ist es ruhig. Linkerhand liegt eine kleine Küche, durch eine Glastür sieht man in einen weiten Raum, über einem Tisch stecken zwei junge Frauen mit zwei Jugendlichen die Köpfe zusammen, durch das große Fenster dahinter sieht man den Garten.

Vor elf Jahren hat Swantje Goldbach hier zusammen mit ihrem Bruder einen Ort für Kinder mit Schulproblemen geschaffen.

"Wir haben das alles aus nichts gemacht. Wir hatten weder Geld noch irgendwas, wir haben dieses ganze Lernwerk, ja, aus Liebe gemacht, sozusagen."

1993 war die junge Lehrerin nach bestandenem Referendariat nach Berlin gezogen. Damals wollte sie eigentlich in den Schuldienst.

"Man brauchte in der Zeit keine Lehrer, Lehrer waren überhaupt nicht angesagt, (lacht) dann war ich an einer Schule, wo verhaltensauffällige Kinder waren. Dort hatte ich eine eigene Klasse, zweieinhalb Jahre. Und aus der Erfahrung, diese Kinder zu sehen, die als unbeschulbar galten, dass keiner die wollte, habe ich angefangen, eine Promotionsidee zu entwickeln: Es muss doch Möglichkeiten geben, Schüler, die einen großen Bewegungsdrang haben, die über das Gefühl sehr empfindlich sind, dadurch blockieren oder leicht aggressiv werden, anders zu unterrichten.

Lernen trotz Schule, ein bisschen alternativ. Die Promotion wurde nie beendet, der Schulversuch, den ich hier gemacht habe, hat sich verselbstständigt und daraus ist das Lernwerk geworden."


Der Bungalow in der Glockenstraße ist heute nur eine von insgesamt fünf Lernwerk-Einrichtungen in Berlin, die anderen liegen in Steglitz, Reinickendorf und Wilmersdorf, eine in Potsdam. Mehr als 1200 Kinder sind inzwischen angemeldet, davon über 300 im gelben Bungalow in Zehlendorf. Vom Grundschüler bis zum Abiturient büffeln sie in kleinen Lerngruppen die Kunst des Lernens an sich oder erarbeiten in Einzelstunden Versäumtes aus einzelnen Fächern nach.

Ein schlaksiger Junge mit dichtem blonden Haar betritt das Haus und setzt sich auf die Bank im Flur. Im Mund trägt er eine große Zahnspange. Sein Blick ist unstet, unsicher, misstrauisch. Moritz wartet hier auf den Kurs: "Lernen lernen". Dieser Kurse wurde speziell für so genannte Problem-Schüler konzipiert.
Swantje Goldbach tritt aus einer Tür am Ende des Gangs, begrüßt Moritz mit einer Umarmung. Der Jugendliche betritt das kleine Klassenzimmer.

Es dauert noch ein paar Minuten, bis alle fünf Kursteilnehmer eingetroffen sind, Jungen zwischen dreizehn und vierzehn. Vier Schultische sind im Karree angeordnet, die Schüler sitzen sich gegenüber. Aus ihren Mienen lässt sich ablesen, dass jegliche Schulsituation sie mit größter Skepsis erfüllt. Swantje Goldbach stört das wenig.

"Ich habe euch was mitgebracht in einer echt hübscher Tüte, und zwar war ich extra los und hab richtig viel gebaut…"

Jeder Junge bekommt aus einer orangenen Supermarkttüte ein Bündel mit zwanzig großen Zimmermannsnägeln auf das Pult gelegt. Das Bündel ist mit einem Gummiband an einem weiteren Nagel befestigt, der senkrecht in einen Holzwürfel eingeschlagen ist.

"Ihr habt ja schon gehört, wenn man selber etwas tun kann beim Lernen, dass das besser ist…"


Bedächtig wiegen die Jungen die Nägel in den Händen, beäugen sie von allen Seiten. Ihre unkonventionelle Lehrerin verbreitet gute Laune:

"Bitte sehr, ich war extra ganz fleißig…"

Swantje Goldbach umkreist die Jungen als organisiere sie ein Wettspiel auf einem Kindergeburtstag und nicht eine Nachhilfestunde.

"So, eure Aufgabe heute ist, das hier ist der Kopf von dem Nagel, und ich möchte gerne, dass ihr alle Nägel auf diesen Kopf kriegt, alle. Das funktioniert auch und ich kenne auch die Lösung, ohne Klebe, ohne das Gummi, ja. Auf die Plätze fertig los!"

Swantje Goldbach setzt sich an ihren Platz und schaut den Jungen zu. Alle nennen sie hier Swantje, nur die Eltern müssen: "Frau Goldbach" und "Sie" sagen. Die 42-Jährige lässt ihre grauen, halblangen Haare offen wehen, manchmal flicht sie sie zu zwei kurzen Zöpfen. Gekleidet ist sie, wie die meisten ihrer Zöglinge: Jeans mit kurzärmeligem T-Shirt, nach Bedarf eine Kapuzenjacke.

"Heute gebe ich gar keine Tipps, oh Leute."

Mit finsterer Miene macht sich Moritz ans Werk. Das merkwürdige Nagelpaket kann kein Lächeln in sein hübsches Gesicht zaubern. Trotzdem findet er nach wenigen Minuten heraus, wie sich die kniffelige Aufgabe lösen lässt.

"Oh, aber ganz nah dran, fast auf richtigen Dampfer, wie hast du das geschafft, das so schnell rauszukriegen?"

Eine Schülerkarriere beim Lernwerk beginnt immer mit einem Aufnahmegespräch. Die Eltern sitzen dabei, dürfen sich aber vorerst nicht einmischen: Im Dialog mit dem Schüler versucht die Chefin herauszufinden, was die Gründe für seinen oder ihren Misserfolg in der Schule sind.

"Ist es vielleicht doch ein Mobbingproblem, ist jemand im Hintergrund, der ihm was tut, fühlt er sich als Streber, wenn er zuviel arbeitet, oder hat er vielleicht einfach keine Energie zu Verfügung, macht er entscheidende Fehler in der Freizeitgestaltung, dass er sich nicht fokussieren kann?

Wenn ich dann das Gefühl habe, jetzt weiß ich von mir aus genug, das kann recht schnell gehen bei mir manchmal, dass ich schon vorher eine Ahnung habe, dass ein altes Scheidungsthema eine Rolle spielt, dann rede ich nur noch mit den Eltern."


Während das Kind draußen mit einem Lehrer spielt oder eine Aufgabe löst, sucht Swantje Goldbach mit den Eltern einen passenden Lernwerk-Kurs heraus, gibt Erziehungstipps oder vermittelt Kontakte zu Ärzten oder Therapeuten. Die Kita-Leiterin Sabine Falkenberg war schon mit jedem ihrer drei Kinder beim Aufnahmegespräch gewesen.

"Bei dem ersten Kennen lernen von Frau Goldbach und meiner Tochter war es so, dass ich mich nach ein paar Minuten gefragt habe, wie lange sie meine Tochter schon kennt. Weil sie eben ein Auge und Gefühl für die Kinder hat, und die Kinder sich ihr gegenüber öffnen. Sie stellt sofort die richtige Kumpelfrage, ist sofort auf der Ebene der Kinder.

Sie hat zum Beispiel erkannt bei meinem einen Sohn, dass er eben sehr unruhig ist, nicht zuhören kann. Dann hat sie es aufgezeichnet, dann hat er angefangen sich damit zu beschäftigen. So hat sie mir aufgezeigt, dass es keinen Sinn hat, mit meinem Kind verbal Sachen zu lösen, sondern dass wir immer über den Weg des Schreibens gehen, damit er es sehen kann. Weil er das übers Auge besser erfassen kann als übers Ohr."


Einen weiteren guten Tipp hat Sabine Falkenberg mitgenommen: Eltern sollten Schule nicht zu ihrem eigenen Thema machen und sich nicht mehr einmischen als unbedingt nötig. Das hat nichts mit Bequemlichkeit zu tun:

Ganz im Gegenteil. Es ist oft viel schwieriger, die Füße stillzuhalten und die Kinder mit einem falschen Ergebnis in die Schule gehen zu lassen. Aber meine Söhne sagen auch zu mir: Mama, du sollst das nicht kontrollieren, wir üben das da genug. Das ist auch was, was die Lehrer gar nicht gerne möchten, weil sie dann auch nicht wissen, wo die Schüler stehen.

Sabine Falkenbergs Tochter Benita hatte nach der Scheidung ihrer Eltern in der Schule Probleme, wollte häufiger vorzeitig abgeholt werden, weil sie Kopfschmerzen hatte. Aber das liegt jetzt schon ein paar Jahre hinter der zwölfjährigen Jugendlichen, die heute einen ziemlich zufriedenen Eindruck macht. Damals half ihr ein Lernwerk-Kurs mit den schulischen Problemen gut weiter.

"Sie haben so bestimmte Methoden, mit denen man das alles viel besser versteht, finde ich. Mit den Karteikärtchen hat sie mir das wirklich, als ob ich sozusagen vom Mars käme, dass ich überhaupt nichts davon weiß, hat sie mir alles komplett erklärt, jedes einzelne Thema: Multiplikation, Addition, alles durch."

Diese bei Benita erfolgreiche Nachhilfelehrerin war übrigens nicht Swantje Goldbach. Aber es waren die von ihr entwickelten Methoden. Swantje Goldbach ist auch einmal eine schlechte Schülerin gewesen. Das hilft ihr heute herauszufinden, wo es bei anderen hakt.

Wahrscheinlich würde die Lernwerk-Chefin alle 1200 Schüler am liebsten selbst unterrichten. Aber ihr Tag hat auch nur 24 Stunden und sie kümmert sich auch noch um zwei eigene kleine Kinder. Zur Zeit sind daher 130 Nachhilfelehrer im Lernwerk angestellt. Zum Beispiel die Studentin Esther Nünlist. Sie gibt Einzelstunden in Mathe und Deutsch.

"Ich studiere Grundschulpädagogik und Geschichte an der FU Berlin und arbeite im Lernwerk nebenbei, weil sich das ganz gut vereinbaren lässt. Das ist eine große Chance für mich, über das Studium hinaus zu erfahren, wie man mit Kindern lernt, es geht ja vor allem darum, das Lernen zu lernen und dass man das auch im Einzelunterricht umsetzen kann. Das ist ja in der Schule nicht so."

Martha Grabowski studiert im achten Semester Linguistik an der Berliner Humboldt-Uni. Im Lernwerk unterrichtet sie Deutsch und Englisch:

Ich habe immer einen guten Draht zu Kindern und Jugendlichen gehabt, habe auch schon als Jugendreiseleiterin gearbeitet und da habe ich das gemerkt. Ich habe gedacht, dass Nachhilfeunterricht für mich ne gute Möglichkeit ist, um zu sehen, ob das später was für mich wäre.

Martha Grabowski und Esther Nünlist sind vor ein paar Tagen zum Fortbildungsunterricht in das Lernwerk in Berlin Steglitz gekommen. Hier residiert die Nachhilfeschule im ersten Stock eines schönen, von hohen Bäumen umstandenen Gründerzeitbaus. Es ist acht Uhr abends, statt der Schüler sind jetzt etwa zwanzig Studenten da. Sie tragen sämtliche auf der Etage vorhandenen Stühle in den größten Raum und scharen sich um ein paar zusammen geschobene Tische. Die Referentin ist auch hier Swantje Goldbach.

"Macht ihr die Tür zu? Herzlich willkommen zur DOQ Fortbildung, ich freue mich, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid. Warum haben wir den DOQ erfunden, was heißt DOQ überhaupt, ihr habt ja wahrscheinlich schon das Schild gesehen: Dialog, Organisation, Qualifikation. Das Lernwerk wollte immer mehr sein als normale Nachhilfe, das habt ihr ja schon gemerkt, viele von euch arbeiten ja schon im Einzelunterricht. Wir haben ja einen Ehrenkodex, der oberste Punkt war immer ganz klar: Hilfe zur Selbsthilfe zu geben."

Die DOQ - Kurse sind Kleingruppenkurse und als Einstieg für jeden Schüler ins Lernwerk gedacht. Im Prinzip geht es hier darum, bei Kindern und Jugendlichen die natürliche Leidenschaft zum Lernen wieder zu wecken. Bei vielen ist diese Leidenschaft zum Beispiel durch Enttäuschungen über schlechte Noten aber auch durch zuviel Fernseh- oder Computerkonsum verschüttet oder abgestumpft. Um diese Flamme wieder zu entfachen, macht man sich Erkenntnisse der Hirn- und Verhaltensforschung zunutze.

Swantje Goldbach skizziert die für das Lernen entscheidenden Sinne oder Seinszustände an die Tafel: ein Auge für Sehen, ein Ohr für Hören, eine Hand für Bewegen, ein Herz für Gefühle. Nur zwanzig Prozent aller Menschen seien so genannte Hör-Lerner, sagt sie. Leselerner sogar nur zwei Prozent. Das Hören und das Lesen sind aber die einzigen Kanäle, über die Kinder in der Schule angesprochen werden. Hör-Lerner sind darum im Lernwerk die Ausnahme.

"Ich seh immer nur Leute die zu Boden gucken, und irgendwie Ticker-Ticker machen und irgendwie so desinteressiert aussehen. Aber sie sind nicht desinteressiert. Sondern sie können nicht lernen, ohne etwas wenigstens ein bisschen zu bewegen. Wenn das jetzt ein Grundschulkind ist, das wühlt, guckt nach rechts und links, spricht mit dem Nachbarn. Und dann sagt der Lehrer: du hast das grad nötig Max, ja!"

Ganz ohne Hören und Schreiben kommt man im Lernwerk aber auch nicht aus. Die Basis für solide Lernerfolge wird mit simplen Karteikarten gelegt, die in zweifarbiger Schönschrift von Schülern und Nachhilfelehrern während der Einzelstunden selbst verfasst werden. Auf den Karten können Vokabeln oder grammatikalische Regeln stehen. Zum Beispiel diese: nach "m, l, n, r," das merke ja, steht nie "tz" und nie "ck".

Diese Karten werden dann mit der Pyramiden-Methoden so eingebimst, dass sie nie wieder aus den Gehirnwindungen entfleuchen können. Es ist wie bei einem Spiel, sagt Swantje Goldbach, richtig gelernte Karten wandern immer weiter nach oben.

"Hier oben müssen vier liegen, jetzt sind es drei, jetzt nehm ich diese und aus Spaß wüsste ich die, wohin käme die? nach oben, ganz genau, und jetzt sind hier oben vier voll, dann: tatütata, Vierer Alarm, (lachen) okay, bei Vierer Alarm nehme ich diese Karte"

Zum Schluss liegen nur noch lauter Mastercards auf dem Tisch herum. Diese Pyramide müssen die Schüler zuhause üben, die meisten tun das freiwillig, manche sogar gern. Aber es gäbe auch Schüler, zum Beispiel aus der Zehlendorfer Oberschicht, die behaupten die Putzfrau hätte die Karteikarten verlegt, sagt Swantje Goldbach. So was dürften die jungen Nachhilfelehrer niemals durchgehen lassen.

"Wir setzen uns bis zum letzten ein, aber bitte prüft vorher die Karteikarte. (…) Einen schönen Abend wünsche ich euch!"

Hier sieht man den Stundenplan: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, sogar samstags wird manchmal im Lernwerk unterrichtet.

Der Schriftsteller und Werbetexter Holger Tegtmeier steht im Lernwerk Zehlendorf vor dem großen Stundenplan für die Lehrer. Er unterrichtet hier zwanzig Stunden Deutsch in der Woche.

"Da sind dann die Lehrernamen, alle dreiviertel Stunde kommt ein neuer Schüler."

Um viertel nach eins geht es los, die letzten Schüler verlassen um neun Uhr abends das Haus. Bis zu neun Schüler unterrichtet Holger Tegtmeier am Tag.

"Ich hab anfangs gedacht: das geht gar nicht, dann hab ich gemerkt, dass es relativ leicht fällt, weil alle dreiviertel Stunde kommt ein neues Gesicht, ein neuer Mensch, eine neue Geschichte. Das sorgt für Abwechslung und auch für Tempo. Und wenn es richtig Spaß macht, ist ne dreiviertel Stunde viel zu kurz."

Seit das Schulsystem geändert wurde und bereits fünfeinhalbjährige Kinder eingeschult werden, kommen immer mehr Erstklässler ins Lernwerk. Eine tragische Entwicklung, wie man hier findet. Kinder, die einfach noch nicht die körperlich-geistigen Voraussetzungen zum Schreiben und Lesenlernen haben, bekommen nun eine Lese-Rechtschreibeschwäche oder Dyskalkulie angedichtet. Dann sitzen bereits Sechsjährige im Nachhilfeunterricht. Holger Tegtmeier arbeitet mit allen Altersgruppen.

"Fangen wir mal an mit den ganz Kleinen, denen versuchen wir dann das Lesen beizubringen, Stück für Stück, Silben zu erkennen. Dann färben wir Konsonanten anders ein als Vokale, damit sie ein Gefühl für die Sprache kriegen."

Mit den älteren Kindern schreitet Tegtmeier nach den Pflichtübungen zu Grammatik und Rechtschreibung am liebsten zur Kür: kreatives Schreiben, Gedichte verfassen, mit einem Schüler arbeitet er gerade an einem Theaterstück.

Auf der Bank im Lernwerk-Flur hat jetzt eine blonde, schlanke Frau Platz genommen. Es ist die Mutter von Moritz, dem 14jährigen Jungen mit der Zahnklammer, der im Klassenzimmer mit den Nägeln bastelt. Seit zehn Wochen kommt Moritz einmal wöchentlich hier her. Seine Mutter möchte lieber anonym bleiben.

"Ich warte auf meinen Sohn, der ist im Intensivkurs 'Lernen lernen', der hat einfach richtig Probleme. Er ist achte Klasse im Gymnasium, und mit Beginn des Gymnasiums, in der siebten Klasse hat er einfach mal das Lernen eingestellt. Es war einfach eine schlimme Zeit. Es ist auch nicht vorbei, ist eine schlimme Zeit.

Zwischen uns gab es nur noch Spannungen, nur noch Geschreie und Gezank, wenn es um die Schule ging, Schule war eigentlich das Hauptthema nur noch, war echt belastend, dadurch kam eine richtige Blockade in Gang."


Moritz hat schon immer anders getickt als andere, erzählt seine Mutter, nie das getan, was man ihm sagte. Nach einem wenig erfolgreichen Versuch mit einer privaten Nachhilfelehrerin hat eine Freundin dann das Lernwerk empfohlen. Moritz hat tatsächlich angefangen, mit dem Pyramiden-System zu arbeiten. Beruhigt ist seine Mutter deswegen noch nicht.

"Wenn sie anders ticken, als es in der Schule erwartet wird, wenn sie einen anderen Lernstil haben, dann gehen sie unter. Das habe ich erst hier erfahren, obwohl wir in ärztlicher Behandlung sind, mit allem Pipapo, wir haben eine echte Odyssee hinter uns. Mit ADS und dem ganzen Spektrum, was dahinter steht. Mit medikamentöser Behandlung, mit Verzweiflung als Eltern, weil man gar nicht mehr weiß, was man noch tut.

Man gibt seinem Kind Chemie, jeden Tag, Chemie. Der eine sagt, das ist gut. Der andere sagt, das ist schlecht. Und Sie haben immer die Angst, als Eltern, die große, große Angst, das Falsche zu tun. Und das ist schrecklich."


Moritz Mutter ärgert sich, dass das Berliner Schulsystem kaum auf die Bedürfnisse von Jungen zugeschnitten ist. Dass die Jungen ihren größeren Bewegungsdrang nicht ausleben dürfen und schnell als Störenfriede abgestempelt werden. Und dann auf Rhitalin gesetzt werden. Wie ihr Kind, das in wenigen Jahren erwachsen ist, jemals wieder von der Droge runterkommen soll, ist ihr schleierhaft.

Die Tür öffnet sich, die Jugendlichen verlassen das Klassenzimmer Richtung Garten. Swantje Goldbach geht vorweg.

"Diese hier, ne das ist es nicht, langsam, ihr kriegt den langsam, langsam Preis, das hier, so? Ja genau."

Gehirngymnastik im Garten als Abschluss. Die Jungen machen komplizierte Fingerspiele, die sie zuhause üben sollen. Zum Beispiel zeichnen sie Strichbilder in die Luft, anschließend sollen sie es spiegelverkehrt probieren. Dann können sie gehen.

Moritz verschwindet nach einer flüchtigen Begrüßung blitzschnell mit seiner Mutter durch die Tür. Zwei andere Jungen bleiben da, sie warten noch auf eine Stunde Einzelunterricht. Konstantin hat wegen seiner schlechten Noten die Schule gewechselt. Bei ihm geht es jetzt aufwärts.

"Ich konnte mich nicht hinsetzen oder mich überreden dazu, anfangen zu lernen, das war so ein innerer Schweinehund. In der Schule konnte man gut aufpassen, aber am Nachmittag wiederholen, das ging gar nicht. Ich setz mich jetzt schon manchmal hin und lern ein bisschen, ist natürlich schon noch schöner raus zu gehen und was zu machen."

Sebastian war am Anfang dieses Schuljahres immer schlechter geworden; statt Dreien landeten immer mehr Vieren und Fünfen unter seinen Klassenarbeiten.

"Ich lerne, aber ich kann es mir nicht merken. Jetzt ist es besser, jetzt schreib ich mehr so Zweien und Dreien, wahrscheinlich wegen den Techniken, so eine Pyramide, dann wiederholt man das so oft, bis man es für immer kann."

90 Euro kostet der Monatsbeitrag im Lernwerk, dafür gibt es eine Stunde Einzelunterricht pro Woche. Günstiger wird's im Tandem oder für Geschwisterkinder. Lernwerke gibt es bis jetzt nur in den Außenbezirken Berlins, wo zahlungskräftige Eltern wohnen. Swantje Goldbach.

"Wir haben keine finanzielle Unterstützung, wir wünschen uns das immer, ich finde wir machen einen sehr guten Unterricht, was Besonderes, man könnte gerade auch Neuköllner Kindern helfen, aber man braucht ein Klientel, was das bezahlen kann."